Liebe Leser,

ich habe lange gezögert und überlegt, wie ich dieses Blog beginnen soll. Der Name Balkan lässt mich nicht los. Immer wieder habe ich mich gefragt: Wie ist dieser Name eigentlich entstanden? Welche Länder fallen darunter, wenn wir „Balkan“ sagen? Handelt es sich dabei um einen geografischen oder um einen politischen Begriff – und wenn politisch, wen meint man damit?

Man kann unendlich viele Fragen stellen, und selbst heute ist nicht alles eindeutig geklärt. Deshalb möchte ich von vorne anfangen und erklären, wie dieser Name überhaupt entstanden ist. Das lässt sich allerdings nicht in einem einzigen Text erzählen – sonst wäre es kein kurzer Beitrag mehr, den man in wenigen Minuten lesen kann, sondern ein umfangreicher Aufsatz.

Darum werde ich das Thema Balkan in mehrere Texte aufteilen. Erst wenn wir diesen Begriff besser verstanden haben, werde ich auf die Ereignisse in dieser Region eingehen.

Viel Freude beim Lesen!


Europa im 19. Jahrhundert – Mächte, Rivalitäten und der „Balkan“

Das 19. Jahrhundert war ein Zeitalter der imperialen Höhepunkte und der erbitterten Rivalitäten. Großbritannien erreichte den Gipfel seiner Macht und bestimmte maßgeblich die Weltpolitik. Russland hingegen zeigte wachsende Ambitionen, selbst zur Weltmacht aufzusteigen. Auf dem europäischen Kontinent erstarkte Preußen Schritt für Schritt und strebte danach, das Erbe des untergegangenen Heiligen Römischen Reiches anzutreten. Frankreich, nach den napoleonischen Kriegen keineswegs bedeutungslos, erholte sich unter Napoleon III. und trat als zentrale Macht erneut auf die Bühne.

Das Osmanische Reich, das seit Jahrhunderten Südosteuropa beherrschte, schwächte sich zunehmend. Russland versuchte, aus diesem Niedergang Kapital zu schlagen und drang in einer Reihe von Kriegen gegen die Osmanen immer weiter vor. Auch Schweden, das einst Finnland an Russland verloren hatte, suchte durch neue Bündnisse einen Weg zur Revanche. Europa glich einem Pulverfass. Über dem Atlantik wiederum stiegen die USA auf und begannen, als Macht von globalem Gewicht wahrgenommen zu werden. Dennoch blieb es das Jahrhundert des Britischen Empires: London entschied über Krieg und Frieden und reagierte empfindlich auf jede Veränderung im europäischen Machtgefüge.

Der Krimkrieg

Ein besonderer Konflikt war der Krimkrieg (1853–1856). Auslöser war ein Streit um die Rechte der christlichen Kirchen im Heiligen Land, das damals osmanisches Gebiet war. Zwar fanden die Kirchen eine Einigung mit den Osmanen, doch Russland unter Zar Nikola I. erklärte sich zur Schutzmacht der orthodoxen Christen und besetzte die Fürstentümer Moldau und Walachei. Daraufhin riefen die Osmanen den Krieg aus.

Frankreich unter Napoleon III., Großbritannien und das Königreich Sardinien stellten sich an die Seite der Osmanen. In einem blutigen Ringen wurde Russland geschlagen. Der Friede von Paris (30. März 1856) zwang das Zarenreich zum Rückzug: Es musste auf die besetzten Gebiete verzichten und durfte keine Kriegsflotte im Schwarzen Meer stationieren.

Weitere Konflikte

Doch der Frieden hielt nicht lange. 1877 begann Russland mit stillschweigender Unterstützung Rumäniens einen neuen Krieg gegen das Osmanische Reich und drang bis an die Ägäis vor. Das britische Eingreifen zwang die Russen schließlich zum Rückzug. Auf Dauer aber konnte das Osmanische Reich seinen Niedergang nicht aufhalten. Reformen scheiterten, die Völker Südosteuropas lehnten die Herrschaft ab, und in den Balkankriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die osmanische Herrschaft über weite Teile Europas endgültig gebrochen – sehr zum Missfallen der westlichen Großmächte, allen voran Großbritanniens.

Die „Erfindung“ des Balkans

Für die europäischen Mächte war es schwer, das vielfältige und zersplitterte Südosteuropa zu benennen. Der deutsche Geograf August Zeune schuf 1808 in seinem Werk Gea. Versuch einer wissenschaftlichen Erdbeschreibung den Begriff „Balkanhalbinsel“. Er zog die Grenze von der Bucht von Kotor über Bosnien und die Save bis zur Donau und ins Schwarze Meer. Fast ganz Südosteuropa wurde damit zur Halbinsel erklärt – benannt nach einem bulgarischen Gebirge, das die Osmanen „Balkan“ nannten.

Zwar widerlegten spätere Geografen diese willkürliche Abgrenzung, doch der Name setzte sich durch. Für die Europäer war es praktisch: endlich hatten sie ein Wort für ein Gebiet, das ihnen bis dahin fremd und schwer fassbar erschien. So bekam die Region, und letztlich ganz Südosteuropa, den Namen „Balkan“.

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