Nach dem Krimkrieg (1853–1856) kam Russland nicht zur Ruhe. Zwar musste es im Friedensvertrag auf seine Schwarzmeerflotte verzichten, doch suchte es nun den Landweg, in Absprache mit Rumänien, um die Osmanen aus Südosteuropa zu vertreiben und selbst an ihre Stelle zu treten. Ziel war der Zugang zum Mittelmeer, um das Reich zu erweitern und Einfluss auf die Weltpolitik zu gewinnen. Interessant ist, dass Russland bis heute an dieser Politik festhält.
Die Engländer, damals die größte Weltmacht, wollten ihre Vorherrschaft nicht preisgeben und zwangen Russland zum Rückzug. Die Erinnerung an die Niederlage im Krimkrieg wirkte dabei nach. Die Osmanen erhielten ein kleines Gebiet zurück, doch die meisten Völker nutzten die Gelegenheit, um ihre Unabhängigkeit auszurufen oder zumindest Autonomie zu erlangen. Insofern trug Russland durchaus dazu bei, dass sich die Osmanen weitgehend aus Europa zurückzogen.
Doch nicht alle Völker waren zufrieden. Besonders die Serben erhielten zwar ihre Eigenständigkeit, doch viele ihrer Volksgenossen lebten weiterhin außerhalb der serbischen Grenzen. Besonders schmerzlich war für sie, dass Bosnien an Österreich-Ungarn fiel und Serbien keinen Zugang zur Adria bekam – ein schwerer Schlag für die serbischen Großmachtträume. So gärte es in den serbischen Gebieten.
Auch Bulgarien fühlte sich betrogen. Im Russisch-Osmanischen Krieg hatte es mit russischer Hilfe seine Staatlichkeit zurückgewonnen und zunächst im Vertrag von San Stefano große Gebietsgewinne gemacht – besonders nach Westen, bis in das Gebiet des heutigen Nordmazedoniens. Doch der Berliner Kongress (1878) rückte vieles wieder zurecht: Bulgarien wurde verkleinert, Nordmazedonien kam nicht zu Bulgarien, sondern unter serbischen Einfluss. Für die Bulgaren war dies eine tiefe Ungerechtigkeit, die später zum Krieg gegen Serbien führte.
So entstanden nach dem Berliner Kongress zwei Feuerherde:
- Serbien, das zwischen dem Traum von Großmacht und der Realität ohne Meerzugang hin- und hergerissen blieb, und bis heute zwischen Russland und Europa schwankt.
- Bulgarien, das in seiner inneren Politik bis heute gegen Kräfte ringt, die Europa skeptisch gegenüberstehen und sich stark nach Russland orientieren.
Damit war der Balkan nach 1878 ein brodelnder Kessel. Unzufriedenheit, nationale Träume und das Eingreifen der Großmächte legten den Sprengstoff, der im 20. Jahrhundert noch viele Leben kosten sollte.
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