Halbinsel oder nicht?

Liebe Leser,

ich werde heute auf die Geographie der Balkanhalbinsel eingehen und versuchen zu erklären, wie sich diese Halbinsel geographisch verhält und ob sie tatsächlich die Bezeichnung „Halbinsel“ verdient – und ob dieser Name überhaupt zutreffend ist.

Wie schon erwähnt, etablierte sich der Begriff Balkan im 19. Jahrhundert durch den deutschen Geographen August Zeune bei den westlichen Mächten. Niemand von diesen Mächten war je auf dem Balkan gewesen, und ich bezweifle, dass sie genau wussten, was sie unter diesem Begriff verstanden. Zum besseren Verständnis möchte ich hier anmerken, dass ich von Rumänien, Bulgarien, Nordmazedonien, Serbien, Albanien, Montenegro und Griechenland spreche – von Ländern, die sich in den Balkankriegen von der osmanischen Herrschaft befreiten. Die westeuropäischen Mächte hatten damals kaum eine konkrete Vorstellung von diesen Ländern. Es kursierten Legenden, und man betrachtete sie eher als exotisch. So herrschen bis heute viele Missverständnisse, falsche Überzeugungen und großes Unwissen über diese Region. Umgekehrt ist es nicht anders.

Doch diesmal möchte ich auf die geologischen Gegebenheiten der sogenannten Balkanhalbinsel eingehen.

Was ist eine Halbinsel?
Die Definition, wie sie Geographen über Jahrhunderte gepflegt haben, lautet:
„Eine Halbinsel ist ein Stück Land, das weit ins Wasser hinausragt und nur über eine schmale Verbindung mit dem Festland verankert ist.“

Damit ein Gebiet als Halbinsel gilt, braucht es im Wesentlichen drei Merkmale:

  1. Wasser auf drei Seiten
  2. Eine Landverbindung (Landenge)
  3. Eine erkennbare, markante Abgrenzung

Es reicht also nicht, wenn ein Küstenbogen etwas weiter ins Meer hineinragt. Die Form muss so deutlich sein, dass man sie als eigene geographische Einheit betrachten kann.

Beispiele:

  • Die Iberische Halbinsel: von drei Seiten vom Wasser umgeben, klare Abgrenzung vom Festland und eine schmale Verbindung.
  • Die Apenninische Halbinsel: ebenso – Wasser auf drei Seiten, klare Abgrenzung, eine Landenge. Beide Halbinseln haben zudem eine Bergkette, die sich längs durchzieht.

Nun zum Balkan, so wie ihn August Zeune sah:
Nach seiner Betrachtung beginnt die Balkanhalbinsel an der Westküste bei Kotor (Montenegro). Von dort zog er die Grenze nach Norden durch Bosnien bis zur Save (dem Grenzfluss zwischen Bosnien und Kroatien), weiter der Save entlang bis zur Donau und dann entlang der Donau bis zum Schwarzen Meer. Alles, was südlich dieser Linie liegt, betrachtete er als Halbinsel.

Das Gebiet ist riesig – damals acht Länder, heute mit dem Kosovo neun. Als natürliche Verbindung sah Zeune die Meerengen am Bosporus, die Ägäis und das Mittelmeer. Damit erfüllte er das erste Kriterium einer Halbinsel: Wasser auf drei Seiten.

Doch dabei bleibt es.

  • Das zweite Merkmal einer Halbinsel – die Landenge – fehlt. Eine schmale Verbindung wie bei Iberischer oder Apenninischer Halbinsel gibt es hier nicht. Der Übergang zum Festland ist breit und nicht klar abgrenzbar.
  • Das dritte Merkmal – eine markante Form – ist ebenfalls nicht erfüllt. Ein Blick auf die Landkarte zeigt keine klar erkennbare Abgrenzung.

Betrachtet man Südosteuropa genauer, so wirkt nur der westliche Teil Griechenlands wie eine wirkliche Halbinsel. Dort erkennt man eine klare Form. Alles andere ist schlicht Süd- oder Osteuropa, also Teil des Kontinents.

Natürlich ist es schwer, diese Sichtweise heute zu ändern. Denn wenn man nur Westgriechenland als Halbinsel bezeichnet, dann passt es nicht mehr, ihn nach einem Gebirge in Bulgarien zu benennen. Der Begriff „Balkan“ und die territoriale Abgrenzung, wie sie vor rund 200 Jahren festgelegt wurden, haben sich eingebrannt. Vor allem, weil er längst auch ein politischer Begriff geworden ist.

Man kann verstehen, dass dieser Name nach dem Rückzug der Osmanen gebraucht wurde. Doch heute, über 120 Jahre später, spukt er immer noch durch die Machtzentren Europas.

Ein weiterer Punkt:
Ein Vergleich mit den anderen beiden großen Halbinseln Europas fällt auf: Sowohl die Iberische als auch die Apenninische Halbinsel haben eine durchgehende Gebirgskette, die sie prägt. Die Balkanhalbinsel hingegen besitzt gleich mehrere Gebirgsketten:

  • die Dinariden in Bosnien, Montenegro und Serbien
  • das Balkangebirge (Stara Planina) in Bulgarien (mit einem kleinen Ausläufer in Ostserbien)
  • die Šar Planina in Westmazedonien und Albanien
  • die Pindos-Berge in Griechenland und Südalbanien

Diese Gebirge sind relativ jung. Hinzu kommt das Rhodopengebirge in Süd-Bulgarien und Nordostgriechenland, das älter ist und eine andere geologische Struktur aufweist.

Man erkennt also: eine Einheit, wie sie Iberische oder Apenninische Halbinsel darstellen, existiert hier nicht. Lediglich Westgriechenland bildet eine klar erkennbare Halbinsel – mit einer Gebirgskette, die sich durchzieht, vergleichbar mit den anderen südeuropäischen Halbinseln.

Hätte August Zeune heutige Satellitenbilder zur Verfügung gehabt, so hätte er vermutlich eine andere Abgrenzung vorgenommen. Er arbeitete mit den Mitteln seiner Zeit – und die waren weit weniger präzise als das Kartenmaterial, das uns heute zur Verfügung steht.